Ramshackle, 2012
Installation, Maße variabel, Mixed Media. Foto: U 37 - Raum für Kunst
Apokalypse - wow! Der mit einem großzügig erweiterten Malerei-Begriff
ausgestattete Genfer Künstler Baptiste Gaillard wirft im Rahmen
seiner Ausstellung „Ramshackle“ im Berliner Projektraum U 37
Zeichnung, Skulptur, Installation und Objet Trouvé in den Mix
Von Gunnar Luetzow
Eigentlich, findet Baptiste Gaillard, sei er DJ. Und tatsächlich ist
das Werk des 1982 in Freiburg (CH) geborenen Künstlers eine wilder Mix
der unterschiedlichsten Genres. Schon während seines Studiums war ihm
die zweidimensionale Welt der Malerei einfach nicht genug: Flugs
füllten sich die Flächen seiner Leinwände mit aufgeklebten Objekten
und verwandelten sich mehr und mehr in Reliefs – was runterfiel,
entwickelte bald ein Eigenleben als Plastik.
Der aktuellen Stand seiner von dystopischen Motiven aus Filmen wie
„Stalker“ oder „Planet der Affen“ informierten Raum-Forschung ist nun
im Berliner Kunstraum U37 im Rahmen der Ausstellung „Ramshackle“ zu
entdecken. Und das, obwohl seine Kunst im
Gegensatz zum Titel der Ausstellung alles andere als morsch oder
marode ist. Stattdessen operiert sie psychedelisch, synästhetisch und
taufrisch an den Grenzen etablierter Kategorien und zeigt, wie
verlockend postapokalyptische Innenwelten ausschauen können. Das liegt
nicht zuletzt an einer Vorliebe Gaillards fürs Zusammendenken des
Disparaten, die aus einer Souterraingalerie in prekärer Lage
vermittels eindringlicher Privatmythologie auch schon mal schnell eine
urbane Voodoo-Höhle macht.
„In meiner Arbeit geht es immer um Ordnung und Unordnung. Mich
interessiert dieser Widerspruch, um die Dinge offen zu halten. Obwohl
ich nicht im traditionellen Sinne politisch aktiv oder einem
klassischen Ökolgiebegriff verpflichtet bin, sehe ich mich als einen
im existenziellen Sinne politischen Künstler, der versucht, die
Conditio Humana in unserer Zeit zu thematisieren - mich beschäftigt
die Zerbrechlichkeit unserer Welt. Grundlage meiner Arbeiten können
sowohl gefundene Reste der Konsumgesellschaft als auch eigens dafür
gekaufte neue Materialien sein - woraus dann in einem Prozess der
Transformation eine ganz andere Welt wird. Eine Welt, die ich
erschaffen habe, die ich beobachte - und dennoch nicht bewohne,"
erläutert der Künstler, der einerseits von Ikonen des Ready Made wie
Marcel Duchamp inspiriert wurde, aber andererseits auch die abstrakte
Farbfeldmalerei der New Yorker Schule zu schätzen weiß.
Gut abgemischt werden von Baptiste Gaillard, der sich seine Arbeit
auch als „visuellen Klang“ vorstellt, jedoch nicht nur die diversen
Disziplinen und Gegenstände unterschiedlichster Wertigkeit und
Provenienz – im Rahmen seiner im wörtlichen Sinne ortsspezifischen
Installationen wird auch die Umgebung des Ausstellungsortes zum
Untersuchungsgegenstand und dient dem Künstler als erweitertes
Ersatzteillager. Man möchte meinen, er sei eigentlich ein Archäologe
aus der Zukunft.