Marcus Steinweg
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JENSEITS DER GRAUSAMKEIT?
 

 
In dem Augenblick, in dem wir uns Antigone zuwenden, sind wir von ihrer Grausamkeit berührt. Wo sie auftaucht, hinterlässt sie eine Spur nackter Entschlossenheit, die nicht nur die zartesten Gemüter erregt. Die Faszination Antigones hat mit ihrer monströsen Unnachgiebigkeit zu tun. Antigone handelt in voller oder ungeteilter Souveränität. Antigone ist omos, sagt der sophokleische Chor. Was Lacan mit inflexibel übersetzt und was zunächst roh, ungekocht, aber auch wild und grausam, schonungslos, widerspenstig, trotzig, schroff und unzivilisiert heißt. Dass sie sich weigert, nicht zu handeln, nicht Subjekt zu sein, macht sie zur Protagonistin einer erschütternden Grausamkeit. Nach dieser Grausamkeit und ihrem Verhältnis zur Souveränität und zur Würde, zur Anmut und Schönheit, Verantwortung und Ethizität des antigoneischen Subjekts zu fragen, gehört zum Unerlässlichen der antigoneischen Herausforderung der Philosophie. Mit Antigone stehen die Prinzipien der Tätigkeit (Selbstbewusstsein, Autonomie, Freiheit, Verantwortung, Transparenz etc.) und Untätigkeit (Kontextualität, Situativität, Determination, Passivität, Animalität usw.) zur Diskussion. Zwei Vorträge Derridas, Die unbedingte Universität (1998) und Seelenstände der Psychoanalyse (2000), entwickeln den Konflikt von Souveränität und ihrer notwendigen Dekonstruktion. Sie lassen sich aufeinander beziehen, insofern die Universität, die Derrida sich erträumt, die Aufgabe hätte, eine Alternative zur ungeteilten Souveränität, zur Ethik der Grausamkeit und des Todestriebs, zumindest nicht auszuschließen: Dafür braucht sie eine gewisse Souveränität. Die Universität muss unbedingt, bedingungslos und autonom, d.h. auf eine souveräne Weise unabhängig sein, um bevorzugter Ort der Befragung der Prinzipien der Autonomie und der Souveränität zu sein. Sie ist mit der „Konnotation der Macht- und Wehrlosigkeit“ versehen, und muss dennoch eine „Ausnahmeart der Souveränität“ für sich beanspruchen, eine „ganz spezifische Form der Souveränität“:
„Die Dekonstruktion des Begriffs einer unbedingten Souveränität ist zweifellos notwendig und im Gang, denn dieser Begriff zehrt vom Erbe einer kaum säkularisierten Theologie. Der Wert der Souveränität ist heute nicht allein im offenkundigsten Fall der vermeintlichen Souveränität von Nationalstaaten, sondern auch sonst (denn sie ist überall zu Hause – und hält sich für unersetzlich – in den Begriffen des Subjekts, des Staatsbürgers, der Freiheit, der Verantwortung, des Volks etc.) in voller Auflösung begriffen. Aber es gilt darüber zu wachen, daß diese notwendige Dekonstruktion den Anspruch der Universität auf Unabhängigkeit, das heißt auf eine ganz spezifische Form der Souveränität [...] nicht oder nicht allzusehr preisgibt.“
Die Frage der Universität führt unmittelbar in eine Aporie, die vielleicht allgemeiner ist als man zunächst glaubt. Die Souveränität im allgemeinen, wie wir sagen können, teilt sich in sich, indem sie mindestens die Unterscheidung zwischen der ungeteilten oder unbedingten Souveränität und dieser spezifischen anderen Souveränität der universitären Unabhängigkeit zuzulassen scheint. Eine Unabhängigkeit, die Derrida wiederum mit einem gewissen „Unbedingtheitsprinzip“, einer „bestimmten Unbedingtheit im allgemeinen“, einer „Unbedingtheit ohne Macht und Vermögen“, das heißt unter anderem mit der bedingungslosen Freiheit alles fragen und öffentlich aussprechen zu können verknüpft.
Man sieht, wie grundsätzlich die Frage der Souveränität für alle weiteren, nicht nur akademischen Fragen nach der Autorität als solcher und ihrem Verhältnis zur Freiheit und zur Legitimation der Freiheit ist, nach einer selbst nicht mehr legitimierten Freiheit zur Selbstlegitimation derjenigen, die das Wort ergreifen, die sich zu Wort melden, um zu sprechen, an der Universität oder anderswo, überall dort, wo es Öffentlichkeit, geteilte Vernunft, kollektive Rede, Kommunikation im allgemeinen gibt.
Um sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen, an der Entscheidung einer Gruppe oder eines „demokratischen“ Kollektivs gehört auch Mut. Der Mut zur Meldung und, wenn es erforderlich ist, zur Zwischen- oder Wechselrede, der Mut, sich selbst aus Verantwortung und aus Freiheit mit der Autorität zu sprechen zu versehen. Ein Mut, der allerlei Unwägbarkeit und Risiken einschließt, insofern er nicht folgenlos bleibt, nicht folgenlos bleiben kann, also effizienter und praktischer oder gar pragmatischer Mut ist, der das Subjekt die Dimension des einfachen Wissens und seiner vorgeblichen Neutralität auf die Dimension der Handlung oder der Performanz, oder wie wir auch sagen würden, einer gewissen Grausamkeit hin überschreiten lässt. Denn dieser Mut arbeitet im Wagnis der Selbstermächtigung, der Widerstandskraft im allgemeinen und der Unbeugsamkeit der politischen Dissidenz. Eines Subjekts, das sich weigert vor dem Gericht der öffentlichen Meinung, der Geschichte, des Gewissens oder der staatlichen Autorität bestehen zu müssen, indem es ein neues, singuläres Prinzip der Souveränität und autonomen Selbstgestaltung formuliert. Derrida kann diese Souveränität mit einem „Prinzip unbedingten Widerstands“ und der notwendig politischen „Dissidenz im Namen eines höheren Gesetzes und einer Gerechtigkeit des Denkens“ konnotieren: Daraus folgt,
„daß dieser unbedingte Widerstand die Universität zu einer ganzen Reihe von Mächten in Opposition bringen könnte: Zur Staatsmacht (und also zur Macht des Nationalstaats und dem Phantasma seiner ungeteilten Souveränität; darin wäre die Universität von vornherein nicht bloß kosmopolitisch, sondern universal, weil sie noch über das Weltbürgertum und den Nationalstaat im allgemeinen hinausreicht), zu ökonomischen Mächten (den Unternehmen und dem internationalen Kapital), zu medialen, ideologischen, religiösen und kulturellen Mächten etc., kurzum: zu allen Mächten, welche die kommende und im Kommen bleibende Demokratie einschränken.“
Derrida versucht an ein bestimmtes Jenseits, an ein genau genommen unbestimmtes und unbedingtes oder bedingungsloses Jenseits der politischen, ökonomischen, medialen etc. Mächte und Gesetze zu appellieren, an ein Jenseits dessen, was man den Niederschlag oder die Effizienz der allgemeinen Souveränität, der Grausamkeit oder des Todestriebs in der Geschichte, im politischen Raum der Handlungen und Tatsachen und ihrer institutionellen Verwaltung, nennen kann. Es gibt oder muss da etwas geben, was sich diesen partikularen Formen der Souveränität und ihrer Grausamkeit, der souveränen Grausamkeit entzieht, was sich weder einfangen, noch einsperren, neutralisieren, reduzieren oder abschwächen und assimilieren lässt. Ein absolutes oder universales Jenseits der souveränen Macht und ihrer Herrschaft, ein „Jenseits, das weder mit den Trieben noch mit den Prinzipien etwas zu tun hätte“ und folglich ein „Jenseits des Jenseits des Lustprinzips, das Jenseits des Todestriebs, das Jenseits des Bemächtigungstriebes“ ist. Um die Frage nach der Möglichkeit dieses Jenseits auf die Möglichkeit des Unmöglichen und das Jenseits dieser Möglichkeit hin zu öffnen, muss man nach dem Verhältnis dieses Jenseits zur Handlung, zur politischen und ästhetischen Entscheidung fragen.