Bühnenbild für: "Gefühlssache Revolution"
an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, 2009
Oratorium (Uraufführung) / Schlacht / Revue mit der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot, Chören und Orchestern
Foto: Roman März
Es gibt gute moderne Architektur und schlechte. Das Mies van der Rohe-Haus in Berlin- Hohenschönhausen, in seiner in sich ruhenden Formvollendung, ist ein anerkanntes Meisterwerk, das stolz den Namen seines Architekten trägt. Ein Werk Mies van der Rohes ist auch die Berliner Neue Nationalgalerie, die weltweit als Höhepunkt moderner Museumsarchitektur gilt.
Solche gute, künstlerisch als wertvoll anerkannte Architektur weist vergleichbare Qualitäten auf wie eine gelungene Skulptur im öffentlichen Raum. Sie bildet eine Silhouette, die heroisch aus ihrer Umgebung herausragt, oder sie fügt sich in eine vorhandene Umgebung so harmonisch ein, als ob sie schon immer dazugehört hätte.
Wenn man den Bungalow des Mies van der Rohe-Hauses aus von dem bis zum See reichenden Garten aus betrachtet, wirkt es vor dem hinter ihm aufragenden Konglomerat an Gebäuden, Gründerzeit-Wohnhäusern und vielstöckigen Plattenbauten, wie eine wohltuende, in sich ruhende Skulptur. Das Gebäude ist ja auch dadurch aus dem Kontext herausgehoben, dass es keiner üblichen Funktion (Wohnen, Geschäfte, Kindergarten, Behörde oder Stadtteilbibliothek) dient, sondern als Ausstellungsort, wobei nicht nur die jeweilige Kunst, sondern stets auch das Gebäude selbst mit ausgestellt wird.
Dass die Skulptur, die nun im Garten des Mies van der Rohe Hauses zu Gast ist, auf das Gebäude abgestimmt ist, erscheint auf den ersten Blick. Was soll schließlich dieses merkwürdig zusammen gebastelte, groteske Ungetüm, aus dem einzelne Teile frei herausragen, wie bei einem halbfertigen, eingerüsteten Gebäude – ja was soll denn dieses mehr an ein Klettergerüst auf einem Spielplatz denn an ein Bauwerk erinnernde Konstrukt mit dem ausgewogenen, in sich geschlossenen Bau von Mies zu tun haben?
Einige der Maßverhältnisse, die den so ausgewogenen konzipierten Bau Mies van der Rohes auszeichnen, sind in Andrea Pichls Skulptur exakt aufgenommen: die Traufhöhe, die Höhe der Innenräume und das Fensterraster. Die Proportionen allein scheinen also nicht sehr entscheidend für das Aussehen des Resultats zu sein. Und das scheint auch etwas zu sein, worauf uns die Künstlerin nicht ohne Ironie aufmerksam machen möchte.
Es ist überhaupt zu beobachten, dass sehr unterschiedlich bewertete Architektur auf ähnlichen formalen Prinzipien beruht: geometrische Vereinfachung und Serialität bilden die Grundlage des gestalterischen Denkens sowohl bei Mies van der Rohes Ikonen der Architekturgeschichte als auch bei der oft verachteten Architektur der Plattenbausiedlungen in der DDR und anderen sozialistischen Ländern. Wenn Wita Noack im Pressetext zu „Für immer und immer“ formuliert: „Allein an der wirtschaftlichen Schwäche scheiterte das Gelingen solcher Siedlungen“, dann deutet es auch auf soziale Unterschiede hin: Zum einen das „Landhaus Lemke“, das ein Druckereibesitzer aus Friedrichshain 1932 bei Mies in Auftrag gab: Ein „kleines und bescheidenes Wohnhaus“, das „an schönen Tagen zum Garten hin erweitert“ werden konnte. Auf der Terrasse gab Lemke Empfänge für seine Geschäftskunden. Zum anderen die Plattenbau-Ensembles, in der Menschen aus den mittleren und unteren Einkommensschichten wohnen, und für deren Gestaltung keine namhaften Architekten beauftragt wurden.
Nun interessiert sich Andrea Pichl seit vielen Jahren in ihrer künstlerischen Arbeit vor allem für diese oft verachtete Architektur, an der sie auf ihren Erkundungen immer wieder interessante Details entdeckt: Merkwürdige Ornamente, Türdächer, Verbindungsstücke, die man im Universum der seriell aneinander gefügten Platten nicht vermuten würde, dienen Andrea Pichl als Ausgangspunkt für viele ihrer Fotografien, Zeichnungen, Installationen und Skulpturen.
Die Inspiration der Künstlerin entzündet sich an den Unstimmigkeiten, Ungereimtheiten und merkwürdig geflickten Zwischenräumen, an dem oft Unbeachteten und gestalterisch „offiziell“
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Missglückten. Dieses erforscht sie vor allem in den unterschiedlichen Ausprägungen sozialistischer Architektur und unternimmt dafür auch Reisen in verschiedene Länder, so 2010 nach Taschkent, die Hauptstadt Usbekistans.
Es ist eine Form der Herausforderung, sich direkt mit der formalen Perfektion von Mies van der Rohe und anderer Heroen der modernen Architektur zu befassen, der geometrischen Klarheit und Transparenz, der „Klassizität“ ihrer Bauten etwas gegenüberzustellen. „Ist die Moderne unsere Antike?“ war ja einer der Leitfragen der letzten Documenta, und man kann sich auf die Moderne beziehen wie der Klassizismus auf die Antike.
Aber es kann eine genauso große Herausforderung sein, die klassischen Qualitätskategorien in Frage zu stellen: nicht das Reine und Schöne zu suchen, sondern das Augenmerk stattdessen auf das Schräge, Merkwürdige, Abseitige und landläufig als hässlich Geltende zu legen. Dann folgt man der Spur der Groteske als Gegenbild zum klassischen Ideal des Schönen.
Wenn wir die Architektur als ein Körper auffassen, wäre Mies van der Rohe, in die Abstraktion übertragen, der wohlproportionierte Körper der Renaissance, wie ihn Leonardo da Vinci vermessen hat. Die Skulptur, mit der Andrea Pichl uns konfrontiert, wäre demgegenüber eher ein grotesker Körper, wie ihn der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieben hat und der weniger durch seine Körpergrenzen als durch seine Öffnungen definiert ist: “Die grotesken Gestalt ignoriert (...) die verschlossene, ebenmäßige und taube Fläche des Leibes...“1
Andrea Pichl hat dem wohlgeformten, trotz seiner Offenheit nach außen seine formale Geschlossenheit betonenden Architekturkörper Mies van der Rohes einen auf ähnlichen Maßverhältnissen beruhenden grotesken Leib gegenübergestellt, eine Art Karikatur oder armen Vetter, der zur Klarheit und optischen Einheit des Mies-Baus in einem ähnlichen Verhältnis steht wie ein stur zusammengesetzter Plattenbau mit seinen merkwürdig geflickten Nahtstellen. Die Skulptur „passt“ nicht zu dem Mies van der Rohe, obwohl sie, wie gesagt, passend zu dessen Maßverhältnissen konzipiert ist.
Sie ist auch so etwas wie ein falsch zusammengesetztes Puzzle oder ein Gesicht, in dem Mund, Nase, Augen nicht an ihrem normalen Platz, sondern wie auseinander genommen und „falsch“ zusammengesetzt, wie es die ersten Betrachter der Gesichter auf den Bildern Picassos empfunden haben.
Auch Picasso ist für uns ja längst klassische Moderne. Und nicht nur Picasso, auch Mies van der Rohe hat, auch wenn es heute klassisch aussieht, neu und anders zusammengesetzt, was man damals gewohnt war, und hat die Zeitgenossen schockiert, weil Säulen, Zierrat, Giebeldach und vieles fehlte, was man damals als unerlässlich für gute Architektur empfand. Und so könnte, am Ende, Andrea Pichls Intervention vielleicht auch zum Anlass und Wegweiser werden, dem uns gar nicht mehr so präsenten Unklassischen bei Mies van der Rohe nachzuspüren. Nicht nur in den „Sünden“ der modernen Stadtplanung gibt es überraschende Entdeckungen, auch die kleinen und großen Taten berühmter Architekten lassen sich auf ungewohnte Weise unter die Lupe nehmen. Jenseits der Kategorien und Maßstäbe der Architekturgeschichte liefert uns Andrea Pichl einen künstlerischen Blick, der das Augenmerk immer wieder darauf lenkt, wo Systeme, Ordnungen, Rechnungen nicht aufgehen. Was „gute“ und was „schlechte“ Architektur ist, steht dann eben auch nicht „Für immer und immer“ fest, sondern immer wieder in Frage.
Ludwig Seyfarth
1 Bachtin, a. a. O., S. 16 f.
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Andrea Pichl
1964 born in Berlin, Germany
Lives and works in Berlin, Germany
Education
1991 -96 - Kunsthochschule Berlin
1998 Master of Arts, Chelsea College of Art & Design, London
DAAD-Stipendium
Grants
1998 1 Jahr DAAD - Stipendium, London
1999 Künstlerinnenförderung des Senats für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin
2001 Arbeitsstipendium des Senats für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
2002 Stipendium Künstlerhaus Schloss Plüschow
2003 Projektförderung durch den Hauptstadtkulturfonds
2003 & 2004 Stipendium und Lehrauftrag des Dorothea – Erxleben - Programm, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
2005 Projektförderung durch den Hauptstadtkulturfonds
2006 Lehrauftrag , Kunsthochschule Berlin Weißensee
2007 Katalogförderung Bezirksamt Pankow von Berlin, Abt. Kultur
2008 Auslandsstipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, Cité Internationale des Arts, Paris
2008-09 Lehrauftrag Universität der Künste, Berlin, Fachbereich Gestaltung, Ästhetische Praxis
2009 Stipendium Künstlerstätte Schloss Bleckede
2011 Stipendium, Irish Museum of Modern Art (IMMA), Dublin
2013 Katalogförderung, Senatsverwaltung für Kultur, Berlin
2013 Kulturaustauschstipendium New York, Senatsverwaltung für Kultur, Berlin
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Solo Exhibitions
2013 Krome Gallery (upcoming)
2013 "zuhause", GMÜR, Berlin (with Arjan van Helmond)
2012 "es kann immer auch ganz anders sein" Krome Gallery/Do you
read me, Reading Room, Berlin
2012 "ausschließlich oder", Krome Gallery, Berlin
2012 "Endliche Folgen.", Berlin Weekly, Berlin
2011 "Inherent Shortcomings / Natürliche Mängel" Irish Museum of Modern Art, Process Room, Dublin
2011 "Unendliche Folgen", Delikatessenhaus, Leipzig
2010 "Aus dem abweichenden Winkel", Nationalgalerie Taschkent, Usbekistan (Katalog)
2010 "Für immer und immer", Mies van der Rohe Haus, Berlin (Katalog)
2009 "Gefühlssache Revolution" Oratorium / Schlacht / Revue, Bühnenbild für konzertante Aufführungen der Bolschewistischen Kurkapelle an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
2008 Ausstellungsarchitektur für "Fluxus East", Fluxus-Netzwerke in Mittelosteuropa, Kumu Art Museum Tallinn, kuratiert von Petra Stegmann
2008 "This is the End", Zentralbüro, (ehem. polnisches Kulturinstitut), Berlin, kuratiert von Peter Lang
2007 Ausstellungsarchitektur für "Fluxus East", Fluxus-Netzwerke in Mittelosteuropa, Contemporary Art Centre (CAC), Vilnius, Litauen, kuratiert von Petra Stegmann, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes,(Katalog)
2007 "Form-Fit", Kunsthaus Erfurt
2005 Ausstellungsarchitektur für „ostPUNK! – too much future“ -Punk in der DDR; in Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Bethanien, Berlin gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds (Katalog)
2004 „ Alles Glück will Ewigkeit“, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, mit Friederike Kersten
2002 „Postkarte: Berlin“ Goethe Institut Inter Nationes Brüssel
2002 „Renate“, KunstBank Berlin
2002 „stick together team“ Galerie Koch und Kesslau, Berlin
2001 ”100 x 200 x 3000”, permanente Installation, Schloßparkklinik, Berlin
2000 ”Spaß an der Arbeit – Freude am Leben”, Städtische Galerie Pankow, kuratiert von Jule Reuter, Berlin (Katalog)
2000 Kunstbank, Berlin
1999 ”ca. tausend”, Galerie im Parkhaus, kuratiert von Ute Tischler, Berlin
1998 ”Korrektur”, Galerie Gelbe Musik, Berlin
1998 ”Ihre Reaktionen sind impulsiv und unkontrolliert”, Vitrinen vor dem ehemaligen Haus des Lehrers, Alexanderplatz, Berlin
1998 ”bezeichneten beobachter ... überwiegend uneinheitlich“, permanente Installation, Redaktionsgebäude Der Tagesspiegel, Berlin
2013 "Gegenwelten", Schloss Ambras, Innsbruck (upcoming)
2013 "Interventionen II", Galerie im Ratskeller, Berlin
2012 "Architektonika 2", Hamburger Bahnhof, Rieckhallen, kuratiert von Gabriele Knapstein, Berlin (Katalog)
2012 "Freilassung" Sonderausstellungsraum, Museum (Booklet) Lichtenberg, Berlin, mit Gilles Fromonteil und Tommy Støckel
2012 Kunstverein Springhornhof
2011 "Architektonika", Hamburger Bahnhof, Rieckhallen, kuratiert von Gabriele Knapstein, Berlin (Katalog)
2011 "a.D.", Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin
2011 "Sonntag/Dienstag", Stedefreund, Berlin
2011 "Bau Haus", TÄT, Berlin
2010 "Zerreissproben", Forum für Kunst und Wissenschaft, Leipzig, Tapetenwerk (Katalog)
2010 "Schnell und schmutzig", Markthalle, Berlin
2009 "Auktion", Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg
2009 "Big in Japan", Arcus Project, Moriya, Japan
2009 "Zeigen." Temporäre Kunsthalle Berlin, eingeladen von Karin Sander
2009 "Reconstructed ZONE", Kunstverein Wolfsburg, kuratiert von Anne Kersten (Katalog)
2009 "Bleckede", Golden Pudel Club, Hamburg
2009 "Bewohnte Orte / Obydlená Místa" Städtische Galerie der Bildenden Künste Zlín (CZ), kuratiert von Bettina von Dziembowski und Vaclav Milek
2008 "Appell", Verbeke Foundation, Antwerpen, kuratiert von Suse Weber und Sergio Servellon (Katalog)
2008 "Bewohnte Orte / Obydlená Místa", Kunstverein Springhornhof
kuratiert von Bettina von Dziembowski und Vaclav Milek
2008 "Klub 500", Kunsthaus Erfurt
2008 "Appell", Museum Felix de Boeck, Brüssel, kuratiert von Suse Weber und Sergio Servellon (Katalog)
2008 Initiative Berliner Kunsthalle
2008 "Vollendete Zukunft", Galerie parterre, Berlin, kuratiert von Jule Reuter (Katalog)
2008 Ausstellung eingeladener Wettbewerbsentwürfe (Kunst am Bau) für Wisbyer Str., Berlin
2008 "Freunde und Bekannte" Sparwasser HQ, eingeladen von Stefan Schuster, Berlin
2007 "Die Gegenwart des Vergangenen", Ausstellung zu Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur, Tapetenwerk, Leipzig (Katalog)
2007 "Value", Glue, Berlin
2007 "Frauenportrait", Schickeria, Berlin
2007 Project Space im Henselmann Tower, Berlin
2006 "Tanz den Kommunismus", Schickeria, Berlin
2006 „Emergency Room“, Galerie Olaf Stüber, Berlin
2006 "Viewing Club“, Uxbridge Arm, London
2006 "Another One Bites The Dust", eingeladen von Laura Bruce, Berlin
2006 „Schöne Bilder“, GMÜR, Berlin
2006 „Crossings“, Viktoria Quartier Berlin
2006 " Vollmilch equal Sex", Viewing Club, Ballhaus Ost , Berlin
2005 "Seven Floors", Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen, Hannover (Katalog)
2005 „Kleinskulpturen“, Säulen-Center, Berlin
2003 „Wie geht es Ihnen“ ‚transportale', Potsdamer Platz, mit Tilman Wendland (Katalog)
2003 „Dialog Loci“ Küstrin/Kostrzyn (Polen) (Katalog)
2003 „.A.G.“, Künstlerhaus Schloss Plüschow (Katalog)
2003 „13:04“, Eingeladener Wettbewerb der Berlinischen Galerie, Berlin
2003 „So geht das also“, gemeinsam mit Tilman Wendland, KMZA Berlin (Katalog)
2002 „Transportale“, Haus am Kleistpark, Berlin, mit Tilman Wendland
2001 „Kunst am Bau. Die Bauten des Bundes in Berlin“, ehemaliges Staatsratsgebäude, Berlin, gemeinsam mit Andreas Schmid
2000 „Kunstbrief 5“ , Galerie im Parkhaus, Berlin
2000 ”Terminal ”, 2. Wettbewerbsstufe Bundesministerium der Justiz, Berlin, gemeinsam mit Andreas Schmid
1999 ”know what I mean?” , Young German Artists in Britain , Goethe Institut London (Katalog)
1999 ”Horror Vacui” Chelsea College of Art, London
1999 ”Stadt für Wissenschaft und Forschung”, Berlin